Artgerechte Tierhaltung? Kann es nicht geben!

artgerecht

Aufkleber zur Legitimation von Ausbeutung, Leid und Tod. (Foto: fs)

Die Tierschutzbewegung hat ein Problem: Ihre Moral ist so verkürzt, dass sie sich prima zur Legitimation von Qual, Misshandlung und Tod von Abermillionen leidensfähiger Lebewesen eignet. Ähnliches gilt für das Märchen von der “artgerechten” Haltung oder Biohaltung.

Denn artgerecht ist für Lebewesen nur eine selbstbestimmte Existenz ohne Ausbeutungs- und Eigentumsverhältnisse. Auch das angeblich artgerecht gehaltene Bio-Hühnchen dient der Ausbeutung durch den Menschen. Es lebt unter aufgezwungenen Bedingungen zu einem aufgezwungenen Zweck. Doch in der öffentlichen Darstellung werden diese Haltungsformen immer als gut, gerecht, fair oder sonstwie erstrebenswert dargestellt. Doch letztlich dienen sie nur dazu, Leid, Qual und Tod hoffähig machen.

Tierrechte als umfassende abolitionistische Ethik

Haben Tiere Rechte? Gehen wir davon aus, dass Tiere zu Empfindungen fähig sind und negative Empfindungen zu vermeiden versuchen, sehen wir eine erste wichtige Parallele zum Menschen, der für sich jede Menge Fundamentalrechte reklamiert. Allerdings ist auch die Unterscheidung von Mensch und Tier häufig eine diskriminierende (Stichwort: Speziezismus). Eine umfassende Ethik sollte prinzipiell keine spezizistische Grenze ziehen: Menschen sind einfach humanoide Tiere.

Aus der Erfindungsfähigkeit folgt automatisch, kein Leid empfinden zu wollen. Dies ist keine Frage der Art der Empfindung. Sicher hat ein Fisch ein anderes Schmerzempfinden als ein Mensch. Aber dass er eines hat, gilt als sicher. Es ist anmaßend und realitätsfern, die Leidensfähigkeit anderen Spezies abzusprechen.

Nun ergibt sich aus Empfindungsfähigkeit und dem Streben nach Leidvermeidung das Recht nach strukturellen Bedingungen, die zusätzliches Leid vermeiden. “Zusätzlich” bedeutet dabei, dass Leid natürlich nicht verhindert werden kann. Ein in freier Natur lebender Vogel kann von einer Katze getötet oder verletzt werden. Die ethische Frage ist dabei, ob die Katze zu moralischen Überlegungen fähig ist. Das ist sie – auch ohne in die Nähe des Speziezismus zu rücken – aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Sie folgt ihrem Instinkt oder bewussten Erwägungen, die wir nicht kennen.

Allerdings spielt die Frage nach der Moralfähigkeit anderer Spezies auch nur eine untergeordnete Rolle bei der Frage nach Tierrechten. Tierrechte reglementieren das Verhältnis der Spezies Mensch zu anderen Spezies. Nötig wird das durch die technologische Überlegenheit des Menschen sowie seine erwiesenen Moralfähigkeit. Und im Sinne des kategorischen Imperativs nach Kant müssen die Grundsätze des eigenen Handeln verallgemeinerbar sein. Und das speziesübergreifend.

Wenn wir als Menschen also Leid vermeiden wollen uns uns moralische / rechtliche Strukturen zugestehen, die das gewährleisten, so müssen wir das auch auf alle anderen Spezies übertragen. Daraus folgt also das speziesübergreifend verallgemeinerte Recht nach Leid vermeidenden Strukturen. Von “Strukturen” ist die Rede, weil es hierbei um abstrakte Gegenstände geht. Im Zentrum steht dabei die Eigentumsfähigkeit von Lebewesen: Dürfen Lebewesen Eigentum von etwas oder jemandem sein?

Hintergrund ist, dass mit dem Eigentumsverhältnis auch immer eine Absicht oder ein Ausbeutungsverhältnis verbunden ist. Etwas, das mir nicht gehört, zu schädigen, ist kriminell. Aber etwas zu schädigen, das mir gehört, ist schon etwas anderes. Vor allem, wenn das “Schädigen” als “Nutzen” daherkommt, also durch das Nutzen ein Schaden verursacht wird.

 

Das Eigentumsverhältnis als Grundlage der Ausbeutung

Verstanden werden muss, dass die abstrakte Grundlage der Ausbeutung von Lebewesen das Eigentum an ihnen ist. Genau hierin liegt das eigentliche moralische Problem: Das Eigentum an Lebewesen macht ihre Ausbeutung erst möglich. Hätten Lebewesen ein Recht darauf, nicht Eigentum anderer Lebewesen zu sein, wären alle Ausbeutungsformen nicht mehr möglich: angefangen vom Wohnzimmerschmuck als Haustier über Tierversuche bis hin zur Massentierhaltung.

In der Tierschutzbewegung wird dieser grundlegende Sachverhalt jedoch nicht erkannt. Hier versucht man einfach, die Lebensbedingungen der Tiere zu verbessern. Wie sehr das unter spätkapitalistischen Verwertungsbedingungen überhaupt möglich ist, sei mal dahingestellt. Nur ändert eine Verbesserung der Existenzbedingungen kein bisschen am Grundproblem, nämlich der eigentumsbasierten Ausbeutung.

Sicher mag es besser sein, Kühen oder Hühnern mehr Auslauf zuzugestehen, als sie in engen Ställen einzupferchen. Aber die Frage ist doch, ob überhaupt das Recht existiert, diese Lebewesen in dieser Weise zu “nutzen.” Hier ist es, wie mit der Sklaverei: Die Frage ist nicht, ob Sklaven bequemere Ketten haben sollten. Die Frage ist, ob Sklaverei überhaupt moralisch zulässig ist. Mit der Abschaffung der Legitimität des Eigentumsverhältnisses von Menschen über Menschen wurde die Sklaverei abgeschafft. Und damit auch die Ketten, Peitschenhiebe und die Ausbeutung. Abolitionismus nannte sich die Bewegung damals. Hier wenden wir sie auf alle Spezies an.

 

Artgerechte Haltung gibt es nicht

Allein die Begriffe “artgerecht” und “Haltung” sind widersprüchlich. Schließlich impliziert “Haltung” ein asymmetrisches Zwangsverhältnis, das den elementaren Interessen des Gehaltenen zuwiderläuft. Dieser müsste schließlich nicht “gehalten” werden, würde sein selbstbestimmtes Leben nicht den Interessen des Halters entgegenstehen. Letztere bestehen zwangsläufig in Formen der Ausbeutung. Und die besteht auch auf dem Biohof im Verkauf von Produkten, also in wirtschaftlichen Interessen.

Letztlich werden die artgerecht gehaltenen Nutztiere irgendwann getötet, was alles andere als der Art gerecht ist. Und so legitimieren diese Etikettierungen Ausbeutung, Leid und Tod. Sie tun dies, indem sie suggerieren, dass es Tiere auch gut haben können, bevor sie geschlachtet werden. Vielleicht sogar besser, als in freier Wildbahn ohne menschlichen Einfluss.

Veganer hören oft Argumente wie “Ich esse ja kaum Fleisch. Und wenn, dann vom Biohof mit artgerechter Haltung.” In moralischer Hinsicht unterscheiden sich solche Menschen nicht von denen, die nicht auf das tägliche Billigfleisch aus dem Discounter verzichten können. Im Gegenteil: Indem sie die Lebensumstände der Tiere reflektieren, müssten sie zu anderen Schlüssen kommen, als die gedankenlose Konsumentenmasse. Aber sie schaffen es nicht, ihre niederen Handlungsmotive (“Fleisch ist lecker, darauf will ich nicht verzichten”) ausreichend moralisch zu hinterfragen. Sie bleiben auf einer gefährlichen und keinesfalls verallgemeinerbaren Plastikmoral stehen, die die Grundfrage scheinheilig bejaht: Nämlich ob ein Lebewesen überhaupt Eigentum eines anderen sein und ausgebeutet werden darf. Ja, wenn es nett gehalten wird. Wie zynisch.

 

 

 

 

 

 

 

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