Eine kleine Diskussion zum Thema Abolitionismus und Haustiere

In unserem Beitrag “Was ist das: Abolitionismus?” haben wir auch die Haltung von Haustieren als ethisch nicht zu rechtfertigende Ausbeutung bezeichnet.

Bei unserem Leser Michael warf diese Einschätzung Fragen auf, die er uns in einem Kommentar stellte. Weil das Thema zum einen sehr wichtig und der Kommentar zum anderen sehr ausführlich ist, wollen wir diese kleine Diskussion nicht in den unsichtbaren Tiefen der Kommentarfunktionen versanden lassen, sondern widmen ihr einen eigenen Beitrag.

Lesen Sie im Folgenden Michaels Kommentar und unsere Antwort. Weitere Kommentare sind gerne gesehen!

Kommentar von Michael:

Ich war Omni, bekam einen Hund, und wurde dadurch sensibel für das Thema Veganismus. Das hat mein Leben komplett verändert. Lebe jetzt seit März vegan, bin überglücklich und kann mir kein Zurück vorstellen. Als ich mich philosophisch damit befasst habe (bzw. antispeziesistische Texte las), stellte ich natürlich auch „Haus“-Tiere in Frage. Und ich stieß auf folgendendes Interview mit Markus Wild:

http://www.tageswoche.ch/de/2014_36/basel/667918/

Es gibt einen Unterschied zwischen Zootieren und Hunden, Katzen, auch Schafen und Ziegen. Einen Hund zu haben hat für mich nichts Problematisches. Hunde sind auf uns angewiesen, wir haben eine gemeinsame Evolution durchgemacht, sie können gut mit Menschen zusammenleben, manchmal sogar besser als mit Artgenossen. Wildtieren geht es meistens nicht besser in der Zoohaltung als in der Natur, sie können ihre Fähigkeiten in Gefangenschaft nicht besser ausleben.

[…]

Hunde und andere Haustiere sind aufgrund ihrer Evolution auf uns als Gefährten angewiesen. Es wäre sogar unfair zu sagen, okay, du warst jetzt 30’000 Jahre abhängig von mir, jetzt reichts. Das trifft auf den Gorilla oder die Seekuh nicht zu.

[…]

Mein Vergleich ist der mit einem Kind. Wir entscheiden uns irgendwann, dass es da ist, was es isst, wir kontrollieren den Bewegungsspielraum. Wir sichern es beim Spazieren – genau wie einen Hund. Wenn ich mein Kind in der Stadt nicht auf der Strasse herumrennen lasse, schütze ich es im Sinne meiner Garantenposition. Bei gezüchteten Tieren haben wir diese Garantenposition auch: Weil wir sie so gezüchtet haben, müssen wir auch Verantwortung für sie übernehmen.

Was denkst Du dazu?

Das leuchtet mir nämlich irgendwie ein. Und ich sehe „Haus“-Tiere wie Hunde mittlerweile moralisch unbedenklich, sofern ihre Bedürfnisse so gut wie möglich respektiert werden. Es herrscht nur leider ein moralischer Konflikt, da wir ihnen nicht immer zumuten können, sich tierleidfrei zu ernähren (zumindest ist das ja ein heißes Thema und irgendwie noch unklar). Aber muss es das? Tony ist unruhig, hyperaktiv und hat erhöhten Jagdtrieb wenn er keine Tierleiche kriegt. Er bekommt derzeit immer vegan Gekochtes bis er unruhig wird (das dauert so ca. 5–10 Tage). Mir fällt es schwer, Tierkadaver zu kaufen, aber er ist ja mehr Fleischfresser als Pflanzenfresser. Wir nicht. Wir haben eine Alternative. Und: Was ist der „natürliche Lebensraum“ von Hunden? Wo sollen sie hin, wenn sie nicht beim Menschen sind?
Das sind keine Rechtfertigungen für mein Handeln, sondern reines Interesse, weil ich diese Konflikte noch nicht so genau klären konnte.

Würde mich über Antwort freuen.

Antwort von Lübeck-Vegan

Hallo Michael,

vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, bzw. Deine Frage. Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch dafür, dass du zum Veganismus gefunden hast. Und auch dafür, dass Du den Veganismus nicht nur als reine Ernährungsform begreifst, sondern als eine ethisch untermauerte Lebensweise. In meiner Antwort will ich mal ein wenig weiter ausholen, da dieses wichtige Thema nicht in kurzen Sätzen zu behandeln ist.

Anti-Speziezismus (also das Ablehnen der Diskriminierung anderer Spezies) und der Abolutionismus sind für uns unabdingbare Bestandteile einer veganen Lebensweise. Zugegeben, das klingt zunächst recht dogmatisch. Aber Claudia und ich waren vor langer Zeit auch mal Omnivoren und haben dann über den Vegetarismus zum Veganismus gefunden – und zwar in einem langen diskursiven Prozess der Selbstbildung.

Eines der Hauptmotive für den Übergang zum Veganismus war die ethische Inkonsequenz des Vegetarismus: Man verzichtet auf Fleisch, weil man ein Bewusstsein für das dahinterstehende Leid entwickelt hat. Aber man schafft es trotzdem nicht, auf Fisch und Milchprodukte zu verzichten. Und das, obwohl die unsäglichen “Lebens”bedingungen der Milchkühe, Legehennen und das immense Leid der Fische einem Vegetarier bekannt sein dürften. Doch ethische Forderungen beinhalten immer einen allgemeingültigen, imperativen Anspruch. Nur ein bisschen Foltern und Töten bleibt trotz aller noch so wohlfeilen Begründungen eben trotzdem Folter und Mord.

Das bedeutet, dass eine vegane Lebensweise den Verzicht auf entgegenstehende Verhaltensweisen beinhalten sollte. Und das gelingt am besten durch eine Anti-Speziezistische und abolitionistische Haltung. Letztere verlangt a) den Verzicht jeglicher Ausbeutung von Lebewesen sowie b) die Ablehnung von Eigentumsverhältnissen gegenüber anderen Lebewesen. Schaut man genau hin, sind es genau diese Eigentumsverhältnisse gegenüber Lebewesen, die ihre Ausbeutung erst ermöglichen.

Was hat das nun alles mit Haustieren zu tun? – die Theorie

Haustiere unterscheiden sich in ethischer Hinsicht nicht von anderen Tieren: Es sind Mit-Lebewesen, die gemeinsam mit uns diese Welt bevölkern, sich diese in ihrer jeweils ganz eigenen Weise aneigenen und ihre jeweils ganz besonderen Bedürfnisse haben. Als Haustiere sind sie jedoch nicht frei, sondern in Gefangenschaft und auf das Wohlwollen ihrer Eigner angewiesen.

Auf der ganz alltagspraktischen Ebene haben sie fast in jedem Fall nicht die Umweltbedingungen, die sie zum Ausleben ihrer artspezifischen Bedürfnisse (etwa nach Bewegung, Neugier, Paarung, Erforschung der Welt etc.) benötigen. Auch wenn es ihnen noch so gut geht – sie sind gefangen und haben keine artgerechten Lebensbedingungen.

Auf der ethischen Ebene unterliegt auch ein Haustier einem Ausbeutungsverhältnis: Der Mensch versorgt es, gibt ihm ein Zuhause und bringt es zum Tierarzt (bestenfalls, nur allzu oft haben Haustiere schreckliche Lebensbedingungen….) Im Gegenzug verlangt der Mensch Nähe, Freude, Tier-Freundschaft, Zuneigung, Gehorsam und, und, und… Auch wenn es ihm noch so gut geht, der Mensch bestimmt über alle Geschicke seines Haustieres. Dieses Ausbeutungsverhältnis ist ethisch abzulehnen.

Der Begriff Abolutionismus stammt übrigens aus der Sklaven-Befreiungsbewegung, was eine schöne Analogie ergibt: Auch ein in Saus und Braus lebender Sklave ist unfrei – und immer noch ein Sklave. Es geht nicht um die Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern um die Abschaffung der Sklaverei als solcher.

Nun wurde die Sklaverei recht spät abgeschafft, nachdem sie schon einige Tausend Jahre bestanden hat. Und trotzdem kamen die befreiten Skalven recht gut in der Welt zurecht. Genau das ist die Brücke zu den Zitaten von Markus Wild. Er begeht einen grundlegenden Fehler in seiner Argumentation: Die Evolution ist ein Anpassungsprozess, der etliche Millionen Jahre dauerte. Die letzten 30.000 Jahre, in denen sich Menschen Haustiere hielten, haben damit wenig zu tun. Warum? Weil die genetische Entwicklung aller beteiligten Spezies zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend abgeschlossen war. Er meinte sicher die “Domestizierung”, aber diese ist kein naturgegebener Prozess, sondern ein speziezistisches menschliches Projekt der Tierausbeutung.

Was sich geändert hat, war der zunehmende Einfluss des Menschen. Und damit verbunden die zunehmende Zerstörung der natürlichen Lebensräume der anderen Tiere. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die als Haustiere missbrauchten Lebewesen nicht dazu in der Lage wären, ein eigenständiges Leben in freier Natur zu führen.

Zugegeben, das dürfte vielen überzüchteten und domestizierten Haustierrassen tatsächlich sehr schwer fallen. Nur sind sie bedauernswerte Produkte eines über viele Jahrhunderte bestehenden Ausbeutungsverhältnisses. Und auch die Gefährlichkeit der von der menschlichen Zivilisation immer weiter vereinnahmten Welt steht dem Grundwert der Freiheit von Tieren auf den ersten Blick entgegen. Doch was sind denn die ursprünglichen Gründe für diesen Zusammenhang?

Die grassierende Zerstörung immer weiterer Naturräume durch den Menschen ist ja schon an sich ein speziezistisches und lebensfeindliches Projekt. Veganismus bedeutet in diesem Zusammenhang auch eine Lebensform, die eine Welt anstrebt, die für alle Lebewesen lebenswert ist. Das ist dann die politische Säule des Veganismus, die eine massive Kritik der kapitalistischen Produktionsweise beinhaltet.

Was hat das nun alles mit Haustieren zu tun? – die Praxis im Einzelfall

Das “System” der Haustierhaltung hat im Laufe der Zeit Abermillionen Lebewesen hervorgebracht, die vom Menschen abhängig sind und in der vom Menschen dominierten Lebenswelt in den meisten Fällen keine Überlebenschancen haben. Das ist aber nicht das Ergebnis einer natürlichen oder evolutionären Entwicklung, sondern einzig und allein ein vom Menschen geschaffener Zustand. Aus einer veganen und Anti-Speziezistischen Perspektive ist dieser Zustand abzulehnen: das “System” Haustierhaltung muss ausgetrocknet werden.

Mit jedem neuen Haustier wird es jedoch am Leben gehalten und fortgeschrieben. Allerdings wäre es realitätsfremd, nun jegliche Haustierhaltung von heute auf morgen abschaffen zu wollen. Vielmehr kommt es darauf an, das richtige Verhältnis und Bewusstsein zum eignen Haustier zu finden, so man eins “besitzt”.

In Deinem Fall sehe ich das als recht unproblematisch an. Du hast nun mal Deinen Hund, und ihm scheint es bei Dir recht gut zu gehen. Alle anderen Alternativen wäre für ihn sicher sehr nachteilig – also ist es völlig korrekt, wenn Du ihm ein Zuhause bietest, das seinen Bedürfnissen weitestgehend entspricht.

Auch Deine ethischen Überlegungen deuten darauf hin, dass Du Deinen Hund nicht als untergeordnetes Spielzeug begreifst, sondern als gleichwertigen Partner, als Mit-Lebewesen, für das Du eine besondere Verantwortung trägst.

Sehr gut finden wir, dass Du Dir Gedanken um eine vegane Ernährung Deines Hundes machst. Die Ernährung von Haustieren ist nämlich der zweite ethische Knackpunkt dieser Angelegenheit: Das fast immer fleischhaltige Tieressen (“Futter” ist wieder ein speziezistischer Ausdruck) wird schließlich ebenfalls industriell durch das Leid und den Tod unzähliger anderer fühlender Lebewesen produziert.

Soweit uns bekannt ist, können Hunde vegan ernährt werden. Infos dazu findest Du etwa unter http://www.provegan.info/de/vegan-ernaehrte-haustiere/ Wie Du schreibst, macht Dein Hund das auch relativ gut mit und kann sicher auch irgendwann auf rein vegane Ernährung umgestellt werden.

Schwieriger wird es, wenn Dein Hund stirbt und Du über ein neues Haustier nachdenkst. Claudia und ich haben auch das diskutiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es durchaus in Ordnung ist, ein Tier aus dem Tierheim zu holen. Diesem kannst Du vielleicht bessere Lebensbedingungen bieten, und außerdem rettest Du es vor der Tötung.

Dass Tiere jedoch im Tierheim enden, ist wiederum Folge des Systems Haustierhaltung. Gäbe es dieses nicht, wären die armen Lebewesen auch nicht dort, sondern frei.

Viele Grüße aus Lübeck

Frank

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One Comment

  1. Ich finde, wir Menschen haben einfach kein Recht, Haustiere zu halten, warum: Wenn ich sehe, wie manche Hundebesitzer mit ihren Hunden umgehen, dann graust es mir: Sie haben keinerlei Respekt oder gar Ahnung von Kommunikation mit ihren Tieren. Oft werden auch eigenen unverarbeitet Aggressionen an den Tieren ausgelebt (wie Menschen es oft auch mit ihren Kindern tun!). Hinzu kommt, die nicht natürliche Ernährung. Warum ernährst du deinen Hund zum Beispiel nicht wenigstens roh-vegan, damit er alle Nährstoffe bekommt, die die Natur ihm bietet? Tiere, so wie der Mensch im Übrigen auch (!) brauchen keinerlei gekochte Nahrung, im Gegenteil, Gekochtes schwächt sie (und die Menschen) und macht uns alle krank! Außerdem werden Tiere von Menschen zwangsgeimpft und sonst wie medizinisch behandelt, obwohl es keinerlei Nachweis über die Wirkung von Impfstoffen gibt und der Schaden hierbei immens ist (an Mensch und Tier). Haustiere erleiden aufgrund der menschlichen Behandlungen; falsches Futter und Impfungen usm., die selben degenerativen Erkrankungen wie die Menschen auch. Ich finde alleine das fatal und dazu haben wir einfach kein Recht! Ich halte es für sinnvoll, keine weiteren Haustiere mehr zu züchten, also die Vermehrung zu stoppen. Wir haben nicht das Recht dazu, Tiere derartig zu beschneiden. Denken wir auch einmal an all die einsamen Wohnungskatzen, die oft ihr Leben lang sehnsuchtsvoll aus dem Fenster oder vom Balkon herunter schauen ohne jemals Gras, Insekten, Vögel usm. hautnah zu erleben. Und all die anderen Kleintiere und stolzen Vögel oftmals einsam in ihren Käfigen nur um den Menschen zu(m) gefallen…(Kanarienvögel in Spanien, ein graus!)
    Vegane Ernährung ist also noch lange nicht natürlich und das Optimum für Tier, solange sie nicht überwiegend roh ist, also natürlich, schon mal garnicht. Es gibt so viel Leid durch Menschen an Hunden, Katzen usw. schon alleine deshalb hat der Mensch sein Recht verwirkt Tiere zu halten, so sehe ich das. Die wenigen guten Beispiele heben das nicht auf. Wir müssen erstmal wieder mit uns klarkommen lernen: Unserer eigenen Ernährung und Gesundheit und den Umgang mit der Natur und jeglicher Kreatur neu überdenken und erfahren, so wie es jetzt ist, geht es nicht und wir haben kein Recht dazu Tieren derartiges an zu tun! Die Tiere die da sind, um die müssen wir uns noch gut kümmern!

    http://mensch-mensch-mensch.blogspot.de/

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