Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen

Fleisch essen ist eine Ideologie, und diese heisst Karnismus. Laut Melanie Joy unterscheidet sich der Karnismus von der bloßen Praxis des Fleischessens, weil es sich dabei um ein Glaubenssystem handelt, das als selbstverständlich hingenommen und nicht hinterfragt wird. Anders ist es nicht zu erklären, weshalb Menschen ihre Haustiere verhätscheln und sich gleichzeitig Steaks, Frikadellen und Bratwürste schmecken lassen – ohne darin einen Widerspruch zu erkennen.

Für Joy ist der Karnismus als Ideologie bereits so fest etabliert, dass bestimmte Praktiken (etwa Fleischessen, Lederschuhe tragen, Hunde streicheln) als normal gelten und nicht hinterfragt werden (wobei Joys Ideologiebegriff im Übrigen von dem Karl Marx’ abweicht – aber wir wollen hier nicht mit theoretischen Spitzfindigkeiten langweilen…).

Eine gewalttätige Ideologie

Fleischessen – oder besser die Unterscheidung in Nutz- und Haustiere – kommt also als universelle Wertvorstellung daher, die sich jeglicher Kritik entzieht. Nicht etwa der Kritik durch außerhalb der Ideologie stehende Philosophen (wie etwa ethische Veganer), sondern vor allem durch ihre Subjekte selbst – die Karnisten.

Fleischessen ist selbstverständlich, ist unhinterfragte Alltagspraxis, ist Bestandteil und Kennzeichen des “normalen Lebens” und der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur. Was umso schlimmer ist, als dass es sich beim Karnismus um eine gewalttätige Ideologie handelt: Das System kann nur fortbestehen, indem Lebewesen unermessliches Leid zugefügt wird und Lebewesen getötet werden – in unvorstellbarem Ausmaß.

An dieser Stelle nimmt sich Joy die Zeit und lässt aus dem Nähkästchen plaudern. Zu Wort kommen Schlachthofarbeiter, die von ihrem grausamen Alltag erzählen. Einem Alltag, der nicht spurlos an ihren Psychen vorbeigeht und diese Menschen krank macht. Und einem Alltag,  von dem der Karnist in aller Regel nichts mitbekommt, und von dem er auch nicht viel mitbekommen möchte.

 

Die grausame Welt der Schlachthöfe und Mastbetriebe

Ein paar Tage vor Veröffentlichung dieses Posts kündigten die großen deutschen Discounter an , ihre Preise zu senken – auch die von Fleisch. Was das für die “Produktionsbedingungen” in den riesigen Mastbetrieben und Schlachthöfen bedeutet, liegt auf der Hand: Es muss noch mehr gespart werden, und das auf Kosten der Tiere und Mitarbeiter.

Joy widmet sich recht ausführlich dem Thema Schlachthöfe. Dabei schreibt sie nicht nur über das unermessliche Leid, das den Schlachttiere dort widerfährt. Sie berichtet auch darüber, was die allgegenwärtige Grausamkeit in diesen Einrichtungen an ihren menschlichen Mitarbeitern anrichtet. Das in der Kombination mit dem ständigen Zwang zur Erhöhung der Produktivität führt zu massiven körperlichen und seelischen Erkrankungen.

Ähnliches gilt für die Massentierhaltung. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass große Mastbetriebe über ihre Emissionen auch ihre unmittelbare und mittelbare Nachbarschaft in Mitleidenschaft ziehen. Ganz zu schweigen von der Verbreitung multiresistenter Keime mit höchstem Zerstörungspotenzial.

 

Normal, natürlich und notwendig

Die Informationen über die grausamen Mast- und Schlachtbedingungen von Milliarden von “Nutztieren” sind den meisten Karnisten bekannt. Fast jeder von ihnen hat zumindest mal davon gehört, die meisten von ihnen können sich die entsprechenden Informationen schnell besorgen (dem Internet sei Dank).

Dass trotzdem munter Fleisch konsumiert und damit das grausame Produktionssystem am Leben erhalten wird, hat nach Joy damit zu tun, dass Fleischessen als normal, natürlich und notwendig gilt. Die Ideologie hat es dann geschafft, a) Einzug in gesellschaftliche Normen gefunden zu haben (normal), b) durch Naturalisierung als gerechtfertigt zu gelten (natürlich) und c) aufgrund dessen Fleischessen als (biologische) Notwendigkeit erscheinen zu lassen.

Die Ansicht, dass Fleischessen normal, natürlich und notwendig ist, zählt für Joy zum Reich der Mythen. Ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit zu unterdrücken und so das System am Leben zu erhalten. Hier kommen die Mythenbildner ins Spiel, also Institutionen und Experten, die durch ihre Äußerungen helfen, den Konsum tierlicher Produkte zu legitimieren. Bestes aktuelles Beispiel: Eine methodisch äußerst fragwürdige Studie der Uni Graz, derzufolge Fleischesser gesünder seien, als Vegetarier und Veganer – Mythos: Fleischessen ist notwendig. (Infos zur Studie auf provegan.info)

 

Innerpsychische Effekte des Karnismus

Am Ende ihres Buches verlässt Joy die Makroebene Gesellschaft und schaut, was der Karnismus auf der Mikroebene Individuum anrichtet. Auch hier steht wieder die Frage im Zentrum, weshalb vernunft- und sicher auch empathiebegabte Menschen stur am Konsum tierlicher Produkte festhalten, obwohl sie wissen oder wissen müssten, welches Leid, welche Umweltzerstörung und gesundheitlichen Risiken damit verbunden sind.

Ihre Antwort: Das kognitive Trio, das die Wirklichkeit verzerrt. Sein erstes Element ist die Verdinglichung, die Betrachtung eines lebenden Wesens als Objekt. Als maßgeblich dafür macht Joy die Sprache aus, die aus dem Lebewesen ein etwas macht, aber nicht einen jemanden.

Es folgt die Entindividualisierung, die verhindert, dass Lebewesen als Individuen mit jeweils eigenen Verhaltensweisen, Bedürfnissen oder Vorlieben wahrgenommen werden. An diese Stelle tritt eine Wahrnehmung als (funktionelle) Gruppe, etwa die der “Nutzschweine” (Abstraktion). Es liegt auf der Hand, dass man bei Nutzschweinen nicht mehr daran denkt, dass z.B. das einzelne Tier eine hoch entwickelte soziale Intelligenz besitzt.

Schließlich nennt Joy noch die Dichotomisierung, also die Zuordnung von Tieren zu bestimmten Kategorien. Hierunter fällt im wesentlichen die Einteilung in Nutz- und Haustiere. Gegessen wird nicht, was friedlich, niedlich und intelligent ist. Ob die Zuschreibung den Tatsachen entspricht, ist dabei zweitrangig.

 

Plädoyer für die Empathie

Für Joy gilt es nun eine Lücke zu schließen, also jene fehlende Verbindung zu setzen, die all die gesellschaftlichen und psychischen Wirkfaktoren des Karnismus aushebelt. Gemeint ist damit das Herstellen einer emotionalen Verbindung zum anderen, also die Reaktivierung der grundlegenden menschlichen Fähigkeit zur Empathie.

Und das ist nicht nur auf individueller Ebene möglich, sondern auch auf kollektiver. Dem stehen natürlich die Wirkmechanismen des Karnismus entgegen. Aber auch unser Selbstverständnis als Menschen könnte bedroht werden. Schließlich stiegen wir in der gelebten Empathie ein ganzes Stück weit herab vom Thron der angeblichen “Krone der Schöpfung.”

Dennoch ist Joy davon überzeugt, dass kollektive wie individuelle Empathie auch gegen die Widerstände des Karnismus reaktiviert werden können. Bestes Beispiel dafür ist die stetige Zunahme der Anzahl von Veganerinnen und Veganern.

 

Fazit

Joy ist ein rundum überzeugendes Buch gelungen, das sich hervorragend als Begleitliteratur für angehende Veganerinnen und Veganer eignet. Sie spart nicht mit drastischen Beispielen aus den realen Höllen der Mast- und Schlachtbetriebe. Ihr theoretisches Konzept ist schlüssig, wenn auch nicht ganz vollständig.

Zu vermissen wäre da vor allem die tiefe Verankerung des Karnismus im kapitalistischen Weltwirtschaftssystem. Denn schließlich ist es der permanente Zwang zu immer höheren Profiten, der Konzerne und kollaborierende Massenmedien, Forschungseinrichtungen oder Behörden dazu veranlasst, den Konsum ihrer Produkte als normal, natürlich und notwendig erscheinen zu lassen. Ihrer Deutungsmacht ist es vor allem zu verdanken, dass es so Menschen schwer fällt, Empathie zu entwickeln.

 

 

 

 

 

 

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