PolitPost September 2013: Fleisch ist Freiheit…

fsp

Politische Symbole unterstützen die Kreativität (Foto: cs)

Menschen sind nicht immer mit Klugheit gesegnet. Menschen sind mitunter sogar strunzdumm, wovon man sich mit einem kurzen Blick in eine Tageszeitung schnell überzeugen kann. Zurzeit herrscht ja Wahlkampf, und da wird besonders viel Blech geredet und gerne auch gelogen. Kanzlerin Merkel zog es sogar zur Eröffnung der Fahrradmesse Eurobike nach Friedrichshafen, wo sie vorgab, sich für den Fahrradverkehr zu interessieren. Die Oberen des ADFC Bundesverbandes, allen voran Vorsitzender Syberg, gingen der Merkelschen Heuchelei prompt auf den Leim und merkten nicht einmal, dass sie der Ollen einen prima Wahlkampfauftritt beschert hatten.

Wissen Sie übrigens, warum die oberste Trockenpflaume der CDU bei den Leuten so gut ankommt? Weil die sich mehrheitlich nicht für Politik interessieren. Mal ehrlich, wer seine Entscheidung von Wahl-o-maten und TV-Duellen abhängig macht, dem gehört wegen Unmündigkeit das Wahlrecht entzogen. Und in der Tat ist der Hauptgrund für Merkels Erfolg ihre dröge Erscheinung. Mit ihren Hänge-Mundwinkeln, ihrer Omafrisur und ihren ranzigen Klamotten sieht sie aus, wie der Archetypus der urdeutschen Spießer-Hausfrau. Der Durchschnittsdeutsche erkennt sich in ihr wieder, hält sie daher für solide, grundehrlich und fleißig, macht sein Kreuzchen und wundert sich hinterher, wenn noch mehr deutsche Waffen in Schurkenstaaten exportiert werden.

Die anderen Parteien haben es da nicht besonders leicht, zu punkten. Ihre Politiker können – zumindest optisch – Frau Merkel in Sachen volkstümlicher Mittelmäßigkeit nicht das Wasser reichen. Programmarisch dann schon eher, denn ihre Parteiprogramme und Politikinhalte haben sich in den letzten Jahren zur Austauschbarkeit angeglichen. Faktisch kann man CDU, SPD, Grüne und FDP in einen Topf schmeißen und zur NED fusionieren – der Neoliberalen Einheitspartei Deutschlands.

Wohl weil diese Tatsache auch einigen Parteilenkern dämmerte, haben Die Grünen versucht, sich mit einem hervorstechenden Thema zu profilieren: der Forderung nach einem Veggieday. Dahinter steht die Idee, öffentliche und private Großküchen zu verpflichten, einen Tag in der Woche kein Fleisch zu servieren. Gut, für uns Veganer ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, eine Luft- und Lachnummer. Ein winziger Tag in der Woche, dann auch nur für Großküchen – was soll das schon bringen? Aber zugegeben, auch diese Mikro-Forderung ist immerhin besser als nichts. Auch die Begründung der Partei Die Grünen ist durchaus zu unterstreichen: Vollkommen korrekt war die Rede vom Schutz des Klimas, der Gesundheit, dem Boden und des Wassers, der Tiere sowie der Biodiversität. Ein Zeichen sollte gesetzt werden gegen den Raubbau an Klima und Natur, der durch den exzessiven Fleischkonsum in Deutschland und anderen Ländern verursacht wird. Ein zwar winziges, aber für eine neoliberale Autofahrerpartei wie Die Grünen schon recht gewagtes Zeichen. Fast schon so gewagt, wie Sigmar Gabriels Forderung nach einem Tempolimit auf Autobahnen. Hierzulande sind Rufe nach Fleischverzicht und Tempolimits Gotteslästerung, Ketzerei und Hochverrat in einem. Zum Glück ist Lynchjustiz verboten.

Zurück zum Veggieday. Die Grünen führten durchaus vernünftige Argumente an, die als wissenschaftlich fundierte Tatsachen zum Allgemeinwissen der Menschen gehören sollten. Gut, wählen sollte man die Grünen deswegen trotzdem nicht, denn sie haben auf anderen Gebieten zuviel Bockmist verzapft.

Viel interessanter als die Forderung der Grünen war allerdings die Reaktion darauf. Die konservative Presse begann Angst zu schüren, und zwar die Angst vor einer Ökodiktatur.  Einen Tag in der Woche in öffentlichen Kantinen kein Fleisch essen zu können, war für Springerpresse und große Teile von CDU, SPD und FDP so etwas wie der Entzug elementarer Grundrechte, ein dreister Eingriff in die Freiheit. Eine Angst- und Hetzkampagne wurde durchs Land getrieben, die den echten Entzug elementarer Grundrechte qua NSA-Bespitzelung fast vergessen machte. Ist doch egal, ob die NSA alle EMails mitliest – da will uns jemand unser Fleisch wegnehmen, das ist viel schlimmer! Dummköpfige Politiker überboten sich mit Übertreibungen und Entgleisungen, es wurden Parallelen zum NS-Eintopfsonntag gezogen, und die Junge Union demonstrierte vor der Parteizentrale der Grünen. Da skandierten dann wohl ein paar pickelgesichtige Spießerbuben mit wundgewichsten Händen Slogans wie “Fleisch statt Sozialismus, Freiheit statt Veganismus.” Einen Tag in der Woche kein Fleisch in öffentlichen Kantinen angeboten zu bekommen, und schon sehen selbst Christen den Untergang des Abendlandes heraufziehen.

Doch wie kann so etwas passieren? Wie kann es sein, dass Menschen – vielleicht sogar mit Abitur und Studium, mit gut bezahlten Jobs und hoher Verantwortung  - in mentaler Hinsicht plötzlich unter dem Teppichboden Fallschirmspringen können? Die Schlagzeile “Hände weg von meiner Wurst” aus Springers Hetzblatt “Bild” könnte diesen kollektiven geistigen Tiefflug nicht besser verdeutlichen. Wo anders, als im Klo der Redaktion, kann sie ihrem Autor nicht eingefallen sein.  Doch temporäre Blödheit alleine reicht nicht, um die Menschen zu derartigen Reaktionen verdammt. Sicher spielt sie eine Rolle, aber da steckt mehr dahinter.

Um das zu ergründen, müssen wir einen Abstecher in die Psychologie machen. Wir Menschen fühlen uns dann wohl, wenn unsere Identität nicht beeinträchtigt ist. Doch was ist Identität im psychologischen Sinn? Kurz gesagt, sie bezeichnet die auf einer relativen Konstanz von Einstellungen und Verhaltenszielen beruhende Einheitlichkeit in der Selbstwahrnehmung. Ist diese nicht mehr gewährleistet, fühl sich der Mensch unwohl, bedroht, nervös, ängstlich. Er fürchtet, das Fehlen wichtiger Teile seiner selbst könnte ihn in seiner Existenz infrage stellen.

Für viele unserer Zeitgenossen scheint das Essen von Fleisch ein wichtiger Bestandteil der Identität zu sein. Über die Nahrungsaufnahme definieren sich diese Menschen – vielleicht sogar in einem ganz archaischen Sinn (“Ich nehme die Lebenskraft des getöteten Tieres zu mir…”). Es macht uns zugehörig zu unserer deutschen Kultur, was immer das auch ist. So wie das Bekenntnis zum Kapitalismus, die Freude am schnellen Autofahren, das Überlegenheitsgefühl gegenüber Transferleistungsempfängern, das Einkaufen bei “Lidl”, das Gucken von Stefan Raab – und Günter – Jauch Shows oder das Goutieren der “Bild”-Zeitung.

Da helfen keine wissenschaftlichen Fakten, da hilft nicht eimal das leicht erhältliche Wissen um die qualvolle “Produktion” dieses ach so wertvollen “Lebensmittels”. Lieber nehmen diese Leute furchtbarstes Tierleid in Kauf, als dass sie auf ihre Wurst verzichten. Genauso pfeifen sie auf die ökologischen und sozialen Folgen der Fleischproduktion, obwohl sie vielleicht wissen, dass für die Herstellung der gigantischen Futtermengen immer größere Flächen Regenwald abgeholzt werden. Oder dass die “Nutztierindustrie” mit ihrem Ausstoss an Treibhausgasen Hauptverursacher der globalen Erwärmung ist, geht ebenfalls nicht in ihre Köpfe. Hauptsache, das Schnitzel schmeckt – und zwar täglich.

Doch wenn auch nur eine labberige Wurst in der Woche weniger in den fleischigen Hälsen dieser Leichenfledderer landet, droht für sie ihre mühsam aufgebaute Fleischesser-Identität zusammenzubrechen. Dann fühlen sie sich nicht mehr “komplett”, sondern um einen wichtigen Teil ihres Selbst beraubt. Für ihre einfachen Gemüter sind dann die Eier ab oder ist der Pippimann geschrumpft.

Doch Zivilisation bedeutet auch, dass sich der Mensch aus seinen archaischen Denk- und Erlebensmustern löst, sich damit auf eine neue Stufe hebt und auf der Leiter seines Seins höher steigt. Doch müssen wir uns damit abfinden, dass es viele Mitmenschen gibt, die auf dieser Leiter lieber unten bleiben wollen, für die die zivilisatorische Entwicklung nur bedrohliches Teufelszeug ist. Wünschen wir ihnen, dass der Buddhismus mit seiner Theorie von Karma und Wiedergeburt Recht hat. Vielleicht lernen sie dann mal das Leid in einem Maststall oder die Todesangst in einer Schlachtanlage am eigenen Leib kennen.

 

 

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2 Comments

  1. Naja… Was wählt ihr denn bitte!?

    • Ich für meinen Fall Die Linke, wo ich übrigens auch Mitglied bin. Zugegeben, das hat mit Veganismus wenig zu tun. Aber dass der PolitPost auf luebeck-vegan.de erscheint, ist ja auch nur eine Notlösung. Früher erschien er als “Monatlicher Musikbrief” auf der Band-Website http://www.liquidsky-rock.de, wo er auch nicht so richtig hingepasst hat. Der Oktober-PolitPost ist ja auch schon wieder fällig und erscheint demnächst. Darin werde ich das Bundestagswahlergebnis durch den Kakao ziehen.

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