Was ist das: Abolitionismus

Auch diese Schafe sind Eigentum und werden ausgebeutet

Auch diese Schafe sind Eigentum und werden ausgebeutet (Foto: fs)

Fach- und Fremdwörter sind vielen ein Graus. Doch ganz ohne geht es nicht – vor allem dann, wenn sich dahinter etwas Wichtiges verbirgt. Abolitionismus ist so ein Wort. Es kommt oft in Verbindung mit Veganismus vor, und hier speziell mit der ethischen Frage nach Tierrechten.

Der Begriff Abolitionismus kommt aus dem Englischen. “Abolition” heißt übersetzt soviel wie Abschaffung, und Abolitionismus wird damit zu einer Forderung nach der Abschaffung von etwas. Früher ging es um die Abschaffung der Sklaverei, heute ist damit die Abschaffung der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere gemeint.

Gefordert wird dabei die totale Abschaffung, und nicht nur eine schrittweise Verbesserung der Ausbeutungsbedingungen (letzteres wäre dann der Reformismus, um ein weiteres Fremdwort zu benutzen.) Die totale Abschaffung der Ausbeutung schließt dabei auch das Halten von Haustieren ein.

Veganismus ist nicht nur eine Ernährungsweise, sondern auch eine Lebensweise. Hinter ihr steht eine Ethik der Gewaltlosigkeit – und zwar gegenüber menschlichen sowie nichtmenschlichen Tieren. An dieser ungewöhnlichen Formulierung kann man erkennen, dass die vegane Ethik Menschen und Tiere nicht grundsätzlich von einander unterscheidet. Eine solche Unterscheidung ist die Grundlage für den sog. Speziesimsus, also die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies.

Sicher gibt es bedeutende Unterschiede zwischen der Spezies Mensch und anderen Spezies. Diese sind für die vegane Ethik aber unbedeutend. Hier kommt es auf wesentliche Eigenschaften an, die alle Spezies haben:

  • die Fähigkeit, Leid zu verspüren
  • den Wunsch, frei von Leid zu sein

Frei von Leid sein zu wollen, bedeutet auch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Im Falle nichtmenschlicher Spezies heißt das, den natürlichen Instinkten, Regungen oder Bedürfnissen ungehindert nachgehen zu können. Daran werden die unterschiedlichen Lebewesen durch ihre Ausbeutung gehindert.

 

Die “Ausbeutung von Lebewesen” hat viele Gesichter

Schauen wir einmal in einen landwirtschaftlichen Betrieb. Vielleicht sogar einen Biobetrieb, in dem Hühner vorbildlich biologisch-dynamisch gemästet werden. So gut sie es im Vergleich zu industriellen Massentierhaltung haben mögen – sie werden ausgebeutet. Ihr Dasein dient nur dem Zweck, irgendwann als Hühnerfleisch auf dem Teller zu landen. Und das, damit der Biobauer Geld verdient.

Damit das möglich ist, müssen elementare Grundbedürfnisse der Hühner verletzt werden. Sie sind nicht in ihrer natürlichen Umgebung und können sich auch nicht so verhalten, wie es in der freien Natur tun würden. Schon allein das verursacht Leid. Auch wird ihnen das Grundrecht auf ein unversehrtes Leben abgesprochen, weil sie getötet werden.

Und jetzt schauen wir einmal in das Haus von Familie Mustermann. Mustermanns sind Speziezisten wie sie im Buche stehen. Auf ihren Tellern liegen die Teile der Hühner aus dem Biohof von nebenan. Gleich mehrere Vögel mussten für sie sterben. Einfach nur, weil sie den Mustermanns so gut schmecken.

Leben dagegen darf Hoppi, der süße Terriermischling. Er ist der Liebling der Familie, hat sein warmes Schlafplätzchen und wird gehätschelt und getätschelt. Hat er ein Wehwehchen, geht Frauchen zum Doktor mit ihm. Es darf ihm an nichts fehlen, sogar ein Wollanzug für den Winter wurde ihm gehäkelt.

Doch tagsüber, wenn Familie Mustermann aus dem Haus ist, ist Hoppi ganz einsam. In der engen Wohnung eingeschlossen langweilt er sich über Stunden. Sehnsüchtig schaut er aus der Balkontür auf die Wiese hinaus, auf der er gerne toben würde. Schließlich muss er sich bewegen, das ist seine biologische Veranlagung. Zwar kann er das abends kurz mit den Kindern tun. Doch bis dahin vergeht noch viel Zeit.

Abends endlich kommen die Mustermanns nach Hause. Dann hat Hoppi Hunger und möchte etwas essen. Doch die Mustermanns haben eine Regel aufgestellt: Hoppi darf erst nach Herrchen und Frauchen essen. Also muss er warten, während der Magen knurrt. Und wenn es dann endlich an den Napf geht, muss er schnell noch ein kleines Kunststückchen aufführen. Danach erst darf er essen. An diese Entwürdigung hat er sich schon längst gewöhnt.

Also auch Haustiere werden ausgebeutet, weil sie nicht frei sind und ihren natürlichen Bedürfnissen in ihrem natürlichen Lebensraum nachgehen können. Auch wenn es ihnen noch so gut gehen mag – sie stehen im Dienste von Menschen, werden ausgebeutet. Und wenn die Ausbeutung auch nur darin bestehen mag, das Bedürfnis von Menschen nach einem treuen Weggefährten und Lebendmöbel zu erfüllen.

 

Eigentum an Lebewesen als Grundlage ihrer Ausbeutung

Kehren wir wieder zur Sklaverei zurück. Hier wurde der Begriff Abolitionismus das erste Mal verwendet. Sklaven waren das Eigentum ihrer Herren. Als Eigentum waren sie rechtlos, also Gegenstände, die nach Belieben ausgebeutet werden durften. Eigentum ist also mehr als bloße Verfügungsgewalt. Durch das Eigentumsverhältnis werden Grundrechte aberkannt.

Im Abolitionismus geht es generell um das ethische Grundprinzip, dass kein empfindungsfähiges Lebewesen als Eigentum oder Ressource behandelt werden darf. Denn Eigentum bedeutet, dass ein empfindungsfähiges Lebewesen zum Zwecke seines Eigentümers genutzt werden darf. Und diese elementare Rechtsverletzung ist nichts anderes, als Ausbeutung.

Für den Abolitionismus wird der Veganimus zum moralischen Imperativ: Nur durch den individuellen Boykott der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere kann jeder sicherstellen, kein Leid zu verursachen.

 

Abolitionismus vs. Reformismus – oder was bringt die Tierschutzbewegung ?

Die totale Abschaffung der Ausbeutung von Lebewesen und des Eigentums an ihnen klingt utopisch. Sollte man nicht lieber fordern, Lebens- und Haltebedingungen schrittweise zu verbessern?

Ganz klar nein. Oder um es mit Adorno zu sagen: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Sicher mag es ethisch “besser” sein, einen aufsässigen Sklaven vor dem Töten nicht zu foltern. Aber am Eigentums- und Ausbeutungsverhältnis selbst ändert das nichts. Und auch nichts daran, dass sein Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt wird.

Es kommt vielmehr darauf an, das Übel an der Wurzel zu bekämpfen. Das heißt, es müssen die mentalen, ethischen, ökonomischen und politischen Strukturen verändert werden, die ein Eigentum an Lebewesen möglich machen. Auf individueller Ebene geht das nur durch die vegane Lebensweise.

Ebenso muss begriffen werden, dass Tierschutz und Tierrechte gegensätzliche und unvereinbare Dinge sind. Tierschutz meint die Verbesserung der Halte- und Lebensbedingungen von Lebewesen. Er bedeutet aber nicht die Forderung nach der Abschaffung (Abolition) des Eigentums an und der Ausbeutung von Lebewesen. Tierschutz ist damit Reformismus.

Tierrechte dagegen bedeuten, dass Lebewesen grundsätzliche und unveräußerliche Grundrechte zuerkannt werden. Ihre Kernaussage ist, dass kein Lebewesen Eigentum und Ressource eines anderen sein darf. Dies wird aber vom Tierschutz nicht anerkannt. Doch die Verbesserung der Haltebedingungen ändert nichts an der Tatsache, dass die gehaltenen Lebewesen das Eigentum anderer Lebewesen sind und zu deren Zwecken ausgebeutet werden.

 

 

 

 

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6 Comments

  1. “Sicher mag es ethisch “besser” sein, einen aufsässigen Sklaven vor dem Töten nicht zu foltern. Aber am Eigentums- und Ausbeutungsverhältnis selbst ändert das nichts. Und auch nichts daran, dass sein Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt wird.”

    Ob der Sklave das wohl auch so sieht?

    “Ebenso muss begriffen werden, dass Tierschutz und Tierrechte gegensätzliche und unvereinbare Dinge sind.”

    Tierrechte und Tierschutz sollten sich ergänzen, nicht ausschließen.

    “Tierschutz meint die Verbesserung der Halte- und Lebensbedingungen von Lebewesen.”

    Institutioneller Tierschutz meint das. Tierschutz im eigentlichen Sinne des Wortes, meint das nicht.

    • Da hast Du mich leicht falsch verstanden. Das Beispiel sollte verdeutlichen, wie die Tierschutzbewegung argumentiert. Oder auch Bio-Betriebe etc., die der Öffentlichkeit weismachen wollen, ihre Tiere hätten ein besseres Leben vor ihrem Tod. Selbstverständlich haben sie – wenn überhaupt – nur ein um Nuancen besseres Leben. Und das mag in deren Ethik wohl besser sein, als industrielle Tierhaltung.

      Abolutionismus ist aber ein moralischer Imperativ, also eine unbedingte, universelle und grundlegende moralische Forderung. Und das wiederum heisst, dass Veganer / Abolitionisten jegliche Tierausbeutung ablehnen. Ebenso auch ihre materielle Grundlage, nämlich das Eigentum an Tieren. Das Eigentum an fühlenden Lebewesen ist ein moralisches Verbot.

  2. Ich war Omni, bekam einen Hund, und wurde dadurch sensibel für das Thema Veganismus. Das hat mein Leben komplett verändert. Lebe jetzt seit März vegan, bin überglücklich und kann mir kein Zurück vorstellen. Als ich mich philosophisch damit befasst habe (bzw. antispeziesistische Texte las), stellte ich natürlich auch „Haus“-Tiere in Frage. Und ich stieß auf folgendendes Interview mit Markus Wild:

    http://www.tageswoche.ch/de/2014_36/basel/667918/

    Es gibt einen Unterschied zwischen Zootieren und Hunden, Katzen, auch Schafen und Ziegen. Einen Hund zu haben hat für mich nichts Problematisches. Hunde sind auf uns angewiesen, wir haben eine gemeinsame Evolution durchgemacht, sie können gut mit Menschen zusammenleben, manchmal sogar besser als mit Artgenossen. Wildtieren geht es meistens nicht besser in der Zoohaltung als in der Natur, sie können ihre Fähigkeiten in Gefangenschaft nicht besser ausleben.

    […]

    Hunde und andere Haustiere sind aufgrund ihrer Evolution auf uns als Gefährten angewiesen. Es wäre sogar unfair zu sagen, okay, du warst jetzt 30’000 Jahre abhängig von mir, jetzt reichts. Das trifft auf den Gorilla oder die Seekuh nicht zu.

    […]

    Mein Vergleich ist der mit einem Kind. Wir entscheiden uns irgendwann, dass es da ist, was es isst, wir kontrollieren den Bewegungsspielraum. Wir sichern es beim Spazieren – genau wie einen Hund. Wenn ich mein Kind in der Stadt nicht auf der Strasse herumrennen lasse, schütze ich es im Sinne meiner Garantenposition. Bei gezüchteten Tieren haben wir diese Garantenposition auch: Weil wir sie so gezüchtet haben, müssen wir auch Verantwortung für sie übernehmen.

    Was denkst Du dazu?

    Das leuchtet mir nämlich irgendwie ein. Und ich sehe „Haus“-Tiere wie Hunde mittlerweile moralisch unbedenklich, sofern ihre Bedürfnisse so gut wie möglich respektiert werden. Es herrscht nur leider ein moralischer Konflikt, da wir ihnen nicht immer zumuten können, sich tierleidfrei zu ernähren (zumindest ist das ja ein heißes Thema und irgendwie noch unklar). Aber muss es das? Tony ist unruhig, hyperaktiv und hat erhöhten Jagdtrieb wenn er keine Tierleiche kriegt. Er bekommt derzeit immer vegan Gekochtes bis er unruhig wird (das dauert so ca. 5–10 Tage). Mir fällt es schwer, Tierkadaver zu kaufen, aber er ist ja mehr Fleischfresser als Pflanzenfresser. Wir nicht. Wir haben eine Alternative. Und: Was ist der „natürliche Lebensraum“ von Hunden? Wo sollen sie hin, wenn sie nicht beim Menschen sind?
    Das sind keine Rechtfertigungen für mein Handeln, sondern reines Interesse, weil ich diese Konflikte noch nicht so genau klären konnte.

    Würde mich über Antwort freuen.

  3. Danke für die ausführliche Antwort (den Beitrag)! :)

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