Was ist das: Speziezismus?

Der Mensch als „Krone der Schöpfung“ – hartnäckig hält sich diese Aussage in den Köpfen vieler Menschen und rechtfertigt ihr Handeln. Abgeleitet wird sie aus bronzezeitlichen Überlieferungen aus Vorderasien, die als „Altes Testament“ in der „Bibel“ zusammengefasst sind. „Macht euch die Schöpfung Untertan“, heißt es dort. Und das hat der Mensch mit steigender Perfektion stets zu tun gewusst.

Doch im moralischen Zentrum der Ausbeutung natürlicher Ressourcen steht die Vorstellung von der Höherwertigkeit bestimmter Spezies gegenüber anderen. Der Mensch ist besser als sein verhätschelter Schoßhund, der Schoßhund wiederum höherwertiger als die Katze des Nachbarn und alle zusammen sind höherwertiger als das geschundene Schwein, das im engen Stall des Biobauern seiner elenden Schlachtung entgegenleidet.

Einfach ausgedrückt bedeutet Speziezismus die Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art. Er ist eng verwandt mit dem Rassismus (Ungleichbehandlung menschlicher Tiere aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie) oder dem Sexismus (Ungleichbehandlung menschlicher Tiere aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht). Eine Spielart des Speziezismus ist der Anthropozentrismus, also eine Weltsicht, in der der Mensch als “Maß aller Dinge” gilt und alles andere (Tiere, Pflanzen, unbelebte Materie) nur insofern eine Existenzberechtigung erhält, als es dem Menschen nützlich ist. Speziezismus tritt heute zumeist als implizite (und dabei kaum reflektierte) moralische Rechtfertigung der leidvollen Ausbeutung anderer Gattungen auf:

 

  • kommerzielle Ausbeutung: Tierquälerei und -tötung aus Gewinninteresse (z.B. Massentierhaltung)
  • kulturelle Ausbeutung: Tierquälerei und -haltung aus traditionellen Gründen (z.B. Stierkampf, Bärentanz, Schlangenbeschwörung, Dressur)
  • religiöse Ausbeutung: Tierquälerei und -tötung aus religiösen Gründen (z.B. Schächten, Tieropfer)
  • sportliche Ausbeutung: Tierquälerei und -tötung aus sportlichen Gründen (z.B. Sportfischerei, Angeln, Rodeoreiten, Jagen)

All diesen Formen der Ausbeutung ist die menschliche Vorstellung gemeinsam, als überlegene Spezies eine moralische Befugnis dafür zu besitzen. Eine moralische Befugnis, anderen Lebewesen elementare Grundrechte zu verweigern, insbesondere das Grundrecht auf ein freies und selbstbestimmtes Leben sowie das Grundrecht auf Freiheit von psychischem und körperlichem Leid.  Als Begründung für die Überlegenheit des Menschen wird häufig seine Fähigkeit zu Intelligenz und Selbstreflexion hervorgehoben.

Dabei lässt sich der Speziezismus im Handumdrehen als fehlerhaftes, inkonsistentes und letztlich minderwertiges Moralsystem entlarven. Warum?

  1. Die Unterscheidung von Menschen und Tieren als unterschiedliche Gattungskategorien ist willkürlich und biologisch kaum haltbar. Biologisch gesehen ist der Mensch ein Wirbeltier aus der Ordnung der Primaten, und dort ein Vertreter der Trockennasenaffen. Seine DNA unterscheidet sich in nur 1,6% von der eines Schimpansen.
  2. Der Mensch ist nicht das einzige Lebewesen, das über Intelligenz und ein ausgeprägtes Sozialverhalten verfügt. Ein Schwein besitzt mindestens (!) ähnliche kognitive und emotionale Fähigkeiten wie ein menschliches Kleinkind. Und trotzdem genießt das Kind den vollen Schutz des Gesetzes, während das Schwein (nicht nur) in der Massentierhaltung leiden muss und für einen qualvollen Tod bestimmt ist.
  3. Die Vorstellung von Intelligenz und ähnlicher mentaler Fähigkeiten als alleinigen Merkmalen des menschlichen Gehirns ist willkürlich und unbegründet. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass andere Gattungen frei von Intelligenz oder Selbstreflexion sind. Im Gegenteil: Nur der menschlichen Geistestätigkeit ist es zu verdanken, dass der Planet Erde auf eine irreversible ökologische Katastrophe zusteuert. Mit anderen Worten: Keine andere Spezies hat jemals soviel Unheil und Leid verursacht, wie die sogenannte „Krone der Schöpfung“ – auch und besonders gegen ihre eigenen Artgenossen.
  4. Allen Gattungen ist dagegen die Fähigkeit gemein, Leid zu Verspüren. Jedes Lebewesen strebt nach Freiheit von Leid und einem Zustand von Glück und Zufriedenheit. Diese Leidensfähigkeit ist allen Lebewesen gleich und muss daher ins Zentrum einer Moralphilosophie der Gleichheit rücken.

Leidensfähigkeit wird so zu einer Eigenschaft, die alle Lebewesen eint. Leidensfähigkeit macht alle Lebewesen daher moralisch gleich. Ein Lebewesen, das Freiheit von Leid für sich selbst proklamiert, muss diese also auch allen anderen Lebewesen zugestehen. Dieses Zugeständnis findet seine moralisch erlaubte Begrenzung jedoch in den eigenen vitalen Interessen der Lebenserhaltung. Doch dazu sind weder kommerzielle, noch traditionelle, noch religiöse, noch sportliche Beweggründe zu zählen: Ein Rind durch einen Kehlkopfschnitt bei vollem Bewusstsein ausbluten zu lassen, bloß weil es überlieferte Texte aus dem Altertum vorschreiben, hat nichts mit vitalen Interessen der Lebenserhaltung zu tun. Beispiele dieser Art lassen sich in unbegrenzter Zahl finden.

Anders sieht es hingegen mit der Versorgung an Nährstoffen aus. Wenn der Mensch sein eigenes Leben nicht anders erhalten kann, als durch den Verzehr anderer Lebewesen, schränken diese vitalen Interessen der Lebenserhaltung das moralische Prinzip der Gleichheit ein. Doch da eine vegane Ernährung nicht nur physiologisch und alltagspraktisch möglich, sondern auch durchaus sinnvoll und geboten ist, verliert der Konsum tierlicher Lebensmittel jedwede physiologische Notwendigkeit – und damit auch jede Begrenzungskraft auf das o.g. Gleichheitsprinzip.

Daraus folgt:

Der Mensch kann reflektierte Entscheidungen treffen, er kann zwischen verschiedenen Alternativen wählen. Also muss er seine Handlungen so wählen, dass das Grundrecht auf Leidensfreiheit anderer Lebewesen nicht verletzt wird. Eine moralische Regel, die übrigens bereits im frühen Buddhismus postuliert wurde (warum sich der Dalai Lama trotzdem nicht vegan ernährt, muss er mit seinem eigenem Gewissen ausmachen…).

Nun ließe sich argumentieren, dass Tiere schließlich auch andere Tiere jagten, verletzten und töteten, ja dass die gesamte „wilde“ Natur vom Prinzip „Fressen und gefressen werden“ bestimmt sei.

Doch dagegen lässt sich einwenden:

  • Die weite Verbreitung eines niederen Moralsystem anderer rechtfertigt noch lange nicht seine Universalität oder Allgemeingültigkeit.
  • Das Verhalten nicht-menschlicher Tiere ist überwiegend instinktgeprägt und daher nicht moralfähig, da keine reflektierten oder vernunftbasierten Entscheidungen getroffen werden. Dieses Argument ist insofern wiederum speziezistisch, da es nicht-menschlichen Gattungen elementare intellektuelle Fähigkeiten abspricht. Damit stellt es auch den moralphilosophischen Schwachpunkt des Speziezismus dar.

 

 

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