Zynische Sandkastenphilosophie einer kleinen Farm: Die Wurst mit Gesicht

Die Internetmetzgerei Meine kleine Farm aus Berlin / Brandenburg hat eine Mission: Sie möchte Fleisch “ein Gesicht” geben und damit zu einem bewussteren Fleischkonsum beitragen.  Dazu stellt sie Schweine in possierlicher Pose im Internet vor. Per Mausklick kann der Käufer dann Fleischartikel bestellen, zu denen die netten Schweinchen verarbeitet wurden.

Doch ob das Karma der fleischliebenden Verbraucher dadurch besser ausfällt, wie die fröhlich aufgemachte Website scheinheilig verspricht, darf bezweifelt werden.  Im Gegenteil: Ihren Betreibern und deren Kunden dürfte eine besonders deprimierende Wiedergeburt bevorstehen. Ersteren wegen gewissenlosem Zynismus, letzteren wegen pervertiertem Konsumverhalten.

Veganismus und Ethik gehören eng zusammen. Veganer wollen verhindern, dass andere fühlende Lebewesen als Konsumartikel missbraucht und für den eigenen Genuss leiden und sterben müssen. Schließlich ist auch der Mensch eine Tierart und möchte ebenso wenig grausames Leid erfahren sowie vorzeitig und aus niederem Anlass getötet werden.

Natürlich wissen auch Fleischesser, was Schmerzen sind. Und auch sie möchten gerne alt werden – trotz der ganzen Chemie und Medikamentenplörre in ihrem Lieblingsessen. Und auch Fleischesser haben ein Gewissen. Ganz tief in ihren Hirnwindungen wissen sie, dass ihr Konsumverhalten anderen Lebewesen furchtbares Leid und den Tod bringt. Die Folge ist ein moralischer Konflikt: Der Wunsch nach Fleischkonsum konfligiert mit dem Wissen um die damit verbunden Folgen für die “Nutztiere”. Und dies alles vor dem Hintergrund, anderen damit ein Schicksal zuzumuten, das man keinesfalls selbst erleiden möchte.

Wie löst Otto Normalfleischesser nun diesen moralischen Konflikt? Zum einen durch die guten alten Abwehrpraktiken Verdrängung und Ignoranz. Was nicht durchs Bewusstsein kreist, existiert nicht. Und falls man doch mal dran denken sollte, versucht man, es zu ignorieren. Es mag sogar in der post-industriellen Bundesrepublik noch Kreise geben, die keine Ahnung von den Umständen der Fleischproduktion haben. Aber Unwissenheit schützt auch im Buddhismus nicht vor karmischen Belastungen.

Zum zweiten versucht man, den moralischen Konflikt durch eine gezielte Gegenmoral zu entkräften. Dann ist plötzlich der Mensch qua Gattungszugehörigkeit (“Krone der Schöpfung”) befugt, niederes Viehzeug zu verspeisen. Oder es wird ein dubioses Recht des Stärkeren bemüht, das alles Schwächere zu seinem Nutzen niederzumetzeln erlaubt. Gelegentlich wird auch auf bronzezeitliche Überlieferungen zurückgegriffen (“Macht euch die Erde untertan!!!”) oder auf uralte identitätsstiftende Traditionen verwiesen, so absurd, irrational und abschaffenswert sie auch sein mögen.

Zu guter Letzt versuchen Fleischesser, den moralischen Konflikt durch eine verkrotze Abart eines reduktionistischen Biologismus zu lösen. Hier werden Mensch und Tier in einen Topf naturhaft determinierter, wechselseitiger Existenzzusammenhänge geschmissen und daraus dann ein Recht zu Töten als natürlich-archaische Notwendigkeit abgeleitet. Diese Argumentgruppe bekommt man in Diskussionen mit Fleischessern auffällig häufig zu hören: Da heisst es dann, Fleisch dürfe nur essen, wer auch ein Tier töten könne. Theoretisch jedenfalls, denn der postmoderne Stubenhocker dürfte kaum Gelegenheit dazu haben. Gerne wird auch die urzeitliche Jagd als ein edles Zeremoniell Mensch gegen Tier pathetisiert, in dem der Unterlegene ehrbar und mit Würde nach einem gerechten Kampf zweier vor der Natur gleicher Lebewesen sterben und als Nahrung dienen darf. Besonders interessant sind schließlich jene, die einen Jagdschein machen, um die Natur zu schützen.

An dieser Stelle führt uns dieser kleine Exkurs wieder zurück zur missionierenden Internetmetzgerei. Ihr Gründer, der Jungunternehmer Horst Buchmann, möchte die Anonymität der Massentierhaltung durchbrechen und dem Konsumenten zeigen, dass sein leckerer Pfefferbeißer vormals ein Individuum mit ganz eigenen Vorlieben, Bedürfnissen und Wesen war. Dadurch glaubt er, täte der Verbraucher sich und den Tieren etwas sehr Gutes. Er möchte zudem Transparenz schaffen und hat sogar vor, in Restaurants digitale Bilderrahmen aufzuhängen, auf denen der Schnitzelesser das Schwein herumtollen sehen kann, auf dem er grade rumkaut.

Für Otto Normalfleischesser liest sich das alles ganz nett und harmlos. Sicher, die Tiere werden – zumindest für Mastbetriebe – relativ gut gehalten. Auch weiß man, dass Schwein XY vor seinem frühzeitigen Ableben noch putzmunter und offensichtlich gesund war. Aber was ändert das an den moralischen Grundfragen der Tiermast und -schlachtung? Garnichts. Ob in der konventionellen Massentierhaltung nun 4000 Schweine im Monat geschlachtet werden oder Meine kleine Farm nur 4 arme Tiere monatlich zum Schlachter deportiert, ist bloß ein quantitativer Unterschied. Qualitativ ist es dasselbe, nämlich das Töten von Lebewesen. Ein Mörder ist nicht automatisch ein guter Mensch, weil er anstelle einer Schulkasse nur zwei Mädchen erschiesst. Das wäre Sandkastenlogik.

In einem FAZ-Interview erklärt Buchmann, Schweine wollten nicht auf Beton- oder Spaltböden leben, sie hätten einen angeborenen Trieb, im Erdboden zu wühlen. Auch wollten sie ihre Schwänze und Zähne behalten. Gut erkannt, kann man da nur sagen. Jede Wette, bestimmt möchte auch Herr Buchmann Zähne und Schwanz behalten. Doch Buchmann und seine Schweine haben beide noch elementarere Grundbedürfnisse: sie wollen eigenbestimmt in Freiheit leben und vor allem, sie wollen am Leben bleiben. Buchmann kann (theoretisch zumindest) tun und lassen, was er will. Er kann einen pseudo-tierfreudlichen Mastbetrieb aufmachen oder einen veganen Supermarkt eröffnen. Er darf sein Haus verlassen und kann essen, was er will. Und vor allem: Er darf so alt werden, wie sein Körper ihm ermöglicht. Er wird nicht im frühen Jugendalter mit einem Stromstoß getötet, um verarbeitet und an andere Leute verfüttert zu werden. Und – mal angenommen, Buchmann schlüpfe in die Rolle eines seiner Schweine – dürfte er auch nicht glücklicher in den Tod gehen, weil ihm seine späteren Esser vorher per Webcam dabei zugesehen haben, wie er am Schreibtisch die Ablage gemacht hat.

Im Falle Buchmanns liegt also nicht nur ein moralischer Konflikt, sondern ein schwerer moralischer Denkfehler vor. Lebewesen die elementarsten Grundbedürfnisse abzuerkennen, disqualifiziert einen Menschen per se für jeden tierethischen Diskurs. Oder wie es Adorno treffend formulierte: “Es gibt kein gutes Leben im schlechten.” Wer sich ehrlich für Tiere einsetzen möchte, kann vieles tun, aber ganz bestimmt kein Fleisch produzieren.

Und die Kunden der kleinen Farm? Tun sie den Tieren wenigstens etwas Gutes? Natürlich nicht, denn auch auf sie treffen Adornos Worte zu. Aber Buchmann tut uns Veganern hier tatsächlich so etwas wie einen kleinen Gefallen, gewissermaßen als Kollateraleffekt seiner Kindergarten-Philosophie: Er führt den Fleischesser vor! Und zwar so richtig – in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Er macht ihn so richtig zum Hannes. Natürlich nicht auf den ersten Blick. Man muss dazu schon ein wenig weiter denken, als die naiv-amateurhaften Fleischphilosophen der kleinen Farm. Aber dafür sind wir Veganer ja prädestiniert.

Während der durchschnittliche Fleischkonsument seine Produkte im Supermarkt kauft und dabei bequem die ganze Palette von Abwehrmechanismen (s.o.) auffahren kann, setzt sich der Kunde von Die kleine Farm recht bewusst mit der Herkunft seiner Wurst auseinander. Er weiß, dass sie nicht in einer kafkaesken Produktionsanlage aus überirdischem Ektoplasma gewonnen wird, sondern aus einem individuellem Lebewesen. Dieses individuelle Lebewesen wird gegen seinen Willen in Gefangenschaft gemästet und im Jugendalter getötet. Er weiß sicher auch, dass dieses individuelle Lebewesen am Leben bleiben und ein freies, selbstbestimmtes Leben führen möchte. Er weiß das alles, weil auch er ein individuelles Lebewesen ist, das nicht sterben und ein freies, selbstbestimmtes Leben führen möchte. Trotzdem erkennt er anderen Lebewesen diese elementaren Grundbedürfnisse ab, um seinen Gaumenschmaus zu befriedigen.

Hier sind nicht Unwissenheit und Verdrängung im Spiel, sondern ein bewusstes Ja-Sagen zum Töten aus niederen Beweggründen. Mag im ersten Fall noch unzureichende Reflexionsfähigkeit als mildernder Umstand in der Karmaberechnung angeführt werden, kann man im letzteren Fall nur noch von dreister Boshaftigkeit oder pervertierter Moral ausgehen. Wer also trotz des Wissens um die Individualität und die Elementarbedürfnisse von Mitlebewesen Fleisch essen möchte, zumal Fleisch von optisch bekannten Tieren, hat ein gravierendes moralisches Problem. Genau das führt uns Buchmann vor.

Übrigens hat Buchmann dafür den passenden Terminus entwickelt: Bewursstsein. Bewursstein als Anti-Bewusstsein. Das hat schon was. Sowas kann auch nur einem Fleischproduzenten einfallen.

 

 

 

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